Liebe Xenia,

Deine Posts bei Facebook heute haben mich total angesprochen und eine Flut von Erinnerungen und Gedanken ausgelöst. Etwas davon möchte ich gerne teilen. Da wir uns aber nicht kennen, will ich noch kurz über mich sagen: ich bin 37 Jahre jung, verheiratet, Mutter von drei Kindern, heute 13, 10 und 6 Jahre alt. 

Ich finde es mutig und klasse, dass du so ehrlich über eure Situation schreibst. Ich bin nicht sicher, ob ich das damals vor 12 Jahren, als ich mich in einer ähnlichen Situation befand wie du jetzt, so hätte formulieren können. 

Ich hatte damals nur ein Kind und bin, als unser Sohn etwas älter als 1,5 Jahre alt war, zusammengebrochen. 

Das war eine ganz entscheidende Erfahrung in meinem bisherigen Leben, über die ich bis heute immer wieder mal nachdenke und reflektiere, wie es dazu kam und was ich seitdem gelernt habe. 

Bevor ich Mutter wurde, schien Muttersein für mich etwas Selbstverständliches, was schon etliche Frauen vor mir erlebt hatten, einschließlich meiner eigenen Mutter. Ich hatte keinerlei Zweifel, dass ich das auch irgendwie hinbekommen würde, obwohl das natürlich eine aufregende und komplett neue Sache sein würde. 

Unser Sohn war ein Wunschkind. Wir hatten uns bewusst entschieden Kinder zu bekommen, obwohl ich das am Anfang unserer Beziehung eigentlich nicht wollte. Trotz meiner pädagogische Ausbildung, fühlte ich mich Kindern gegenüber eher unsicher und unbeholfen. Hätte das damals aber wahrscheinlich weder formulieren noch zugeben können. 

Ich würde heute auch behaupten, dass unser Großer ein Schreibaby war. In seinem ersten Lebensjahr gab es nur eine Nacht, in der ich durchschlief und auch tagsüber war er meistens nicht lange zufrieden. 

Obwohl ich zunehmend frustriert war über die ganze Situation, nahm ich erstmal alles so hin. Wie schon gesagt, glaubte ich ja, dass, wenn so viele Frauen vor mir das hinbekommen haben, mir das auch irgendwie gelingen muss. Also bemühte ich mich, so gut ich konnte. Meinem Mann machte ich Vorwürfe, weil er nachts schlief. Er machte mir Vorwürfe, weil ich schlechte Laune hatte und den Haushalt nicht auf die Reihe bekam. 

Ich bemühte mich zerknirscht und war gleichzeitig sehr verletzt und verzweifelt. Immer wieder mal platzte mein Frust aus mir heraus entweder in unserer Beziehung oder auch gegenüber unserem Kind. Es hat garantiert keinen Spaß gemacht mit mir zusammen zu leben und ich hatte immer wieder und immer mehr ein schlechtes Gewissen deswegen. Und das vergrößerte meine Verzweiflung noch mehr. 

Ich fühlte mich durch die permanente Verantwortung für unser Kind und den Haushalt meines eigenen Lebens beraubt und verfiel darüber schließlich in eine Art Resignation. Ich versuchte meine Aufgaben, so gut es eben ging, zu erledigen und verlor darüber zunehmend den Kontakt zu mir selbst. Ich hoffte einfach, dass sich alles irgendwann von selbst ändern würde. 

Mein Zusammenbruch wurde schließlich durch mehrere Krankheitsphasen unseres Sohnes und schwierige Situationen bei zwei dicht aufeinanderfolgenden Freizeiten, an denen wir teilnahmen, ausgelöst. 

Ich spürte, dass ich mich nicht mehr um ihn kümmern konnte. Und das war eine absolute Katastrophe für mich. 

Ich gehe nicht davon aus, dass du, liebe Xenia, das alles ganz genauso erlebst. Wie sehr erschöpft du bist und was es genau ist, was dir die Kraft raubt und was du bräuchtest, um den Langstreckenlauf, den du begonnen hast, durchzuhalten, das weißt alleine du und kannst auch nur du herausfinden. 

Ich möchte dir nur ein paar Dinge mitgeben, die für mich wichtig geworden sind und mir geholfen haben. Vielleicht ist ja etwas dabei, was du brauchen kannst. 

  1. Nimm dich wichtig!!! 

Mit den Kids und letztlich in allen Beziehungen gilt, was auch im Flugzeug im Notfall gilt: Erst für dich sorgen, dann für die anderen! Erst selbst die Rettungsweste anlegen und Atemmaske aufsetzen und dann bist du auch in der Lage, dich um andere zu kümmern. 

Nimm die Dinge in den Blick, die dir gut tun. Und ich weiß wie wahnsinnig schwer das, in einem Alltag mit so kleinen Kindern ist!! Ich weiß es wirklich! Aber es ist absolut unverzichtbar, wenn du eine zufriedene Mutter sein willst. Suche nach Möglichkeiten Dinge zu tun, die dich glücklich machen und wo du dich lebendig fühlst.

Zu diesem Zweck benötigst du wahrscheinlich momentan auch Unterstützung von außen. 

  1. Bitte um Hilfe! 

Gibt es jemandem in Deinem Umfeld, der dir die Kids ab und zu abnehmen kann? Oder kann dir jemand im Haushalt helfen? Wir haben eine Zeit lang Haushaltshilfen eingestellt. Gibt es Organisationen in eurer Umgebung, die Familien Unterstützung anbieten? 

Würde es dir helfen, dich regelmäßig mit jemandem zu treffen, um über dich und deine Situation zu sprechen? Wer käme dafür in Frage? 

  1. Reflektiere und Experimentiere! 

Ich habe die letzten 12 Jahre damit verbracht, sehr viel nachzudenken, über all die Situationen meines Alltags und wie ich im Einzelfall agiere und reagiere und warum. Was mir wie wichtig ist, worauf ich verzichten kann und worauf nicht. Ich habe mich ausprobiert, bin an mir und am Leben gescheitert, mit dem Kopf vor die Wand gelaufen und musste einsehen, dass manche Idealvorstellungen sich nicht umsetzen lassen, ich Erwartungen zurückschrauben muss. Erwartungen an mich selbst, an meinen Partner, meine Haushaltsführung, Erwartungen an das Leben. Ich brauchte Ermutigung dafür meiner Intuition und meinen Gefühlen zu vertrauen. Manchmal wurde mir diese Ermutigung und Resonanz geschenkt, manchmal musste ich mich auch selbst darum kümmern, sie zu bekommen, indem ich zum Beispiel eine Beratung aufgesucht habe oder Bücher gelesen habe. 

Eine wichtige Rolle spielt dabei für mich die Erweiterung des Raums zwischen Reiz und Reaktion. 

Innehalten. 

Erstmal atmen bevor ich reagiere, bevor ich Entscheidungen treffe, bevor ich eine Antwort gebe, bevor ich mein schreiendes Kind unsanft anpacke und in sein Zimmer befördere. Ich versuche aus Situationen raus zu gehen, wenn ich merke, dass ich nicht gut reagieren kann oder nicht weiß, wie ich reagieren soll. Erstmal nachdenken.

Das dauert alles und braucht Zeit. Aber es lohnt sich! 

Meinen Kindern hat das mehr Zeit vor dem Tablet oder Fernseher beschert als ich eigentlich mit meinem Gewissen und meinen Idealvorstellungen von Erziehung vereinbaren kann. Perfektionismus hätte mich an dieser Stelle allerdings wohl in den nächsten Zusammenbruch befördert.

Gerade für meine Kinder ist dieser Prozess enorm wichtig gewesen. Denn das Verhalten unserer Kinder, welches wir gerne mit“Grenzen testen” betiteln, ist letztlich ihr Versuch herauszufinden, wer wir sind. Sie testen nicht ihre Grenzen, sondern unsere. Grenzen geben einer Sache ihre eigene Form und Gestalt. So ist das in der Kunst und mit uns. 

Wir haben Grenzen und das ist der Grund, weshalb wir unseren Kindern auch welche setzen sollten. Je klarer wir uns über unsere eigenen Grenzen und unsere Bedürfnisse sind, desto klarer können wir sie auch kommunizieren. 

Meiner Erfahrung nach gibt es unseren Kindern viel Sicherheit, wenn sie uns spüren und wissen woran sie bei uns sind. Unsere eigene Unsicherheit führt eher zu Verunsicherung bei den Kids und auch zu weiteren Testungen 😉

Die Sicherheit gewinnen wir, indem wir uns über uns selbst klarer werden. Und die Testphasen sind ein Anreiz dazu in diesen Prozess der Selbsterkenntnis einzusteigen.

Also nochmal: Nimm dir Zeit für dich!

  1. Nicht vergleichen! 

Und ja! Das ist eine anstrengende Lebensphase. Wie anstrengend, ist sicher Typsache. Ich bin einfach sehr gerne auch mal ganz allein und tanke dabei sehr viel Energie. Extrovertiertere Mütter schlaucht die permanente Anwesenheit ihrer Kinder und der daraus resultierende Kontakt wahrscheinlich etwas weniger als introvertierte Leseratten- und Spaziergängerfrauen wie mich 😉 

Auch Mütter sind halt ganz einzigartige Menschen und jede muss da ihren ganz eigenen Weg finden. 

Vergleichen hilft da gar nichts. 

Was du jeden Tag leistest ist einfach der Hammer! Dass dich das an deine Grenzen bringt, ist kein Wunder. Hab Verständnis für dich selbst. Bring zum Ausdruck, wie es dir geht und sag, was du konkret brauchst!

Ich wünsche dir auf jeden Fall Mut, deinen Weg zu finden und ganz viel Ermutigungen und auch ganz praktische Unterstützung. Auch für eure Beziehung! 

Scheiter heiter! Steh auf! Mach weiter! Du wirst gescheiter!

Ganz herzlich Grüße von Mutter zu Mutter

und danke nochmal fürs Teilen

M. 

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